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THEATER: Kyung-Sung Lee – 77 Versuche, die Welt zu verstehen

Es wird kein „Stück gespielt!“ Es werden Überlegungen präsentiert. Das macht es interessant. Ich habe nicht mitgezählt, aber es werden 77 verschiedene Überlegungen sein, wie der Titel sagt. Allerdings selbst formulierte Überlegungen zum Verhältnis „Die Welt – das Theater“. Hinter allem steht eben Bertolt Brecht, der auch als fremde Stimme („Bot“) und teils in Person von Thomas Hauser zu hören/sehen ist. Es geht um die Sicht auf die Welt speziell aus der Sicht des Theaters.

Eines möchte ich gleich hervorheben: Thomas Hauser, einer der vier Ensemblemitglieder des Stückes, hält gegen Ende einen Monolog, blickt von der dunklen Bühne, am hinteren Rand in der Ecke stehend, auf eine offene Tür, durch die wiederum grelles Licht scheint. Er blickt vom Theater hinaus in die grelle Welt. Dieser – leider sogar zu kurze – Monolog wird von ihm großartig gehalten! Für mich ein Erlebnis, der Kern des Abends, ein Erlebnis, das allein den Besuch wert ist!

Es ist ohnehin eine überzeugende Leistung der vier – insgesamt eher sympathisch auftretenden – Ensemblemitglieder an diesem nicht sehr langen Abend im Marstalltheater, speziell aber von Thomas Hauser. Thomas Hauser hat derzeit noch recht wenig Rollen am Residenztheater, es werden hoffentlich bald mehr! Seine hier oft ratlose, sich vielleicht gewollt „unwohl“ fühlende, eher zweifelnde und im Monolog geradezu verzweifelnde und verzweifelte Art, die Überlegungen zu präsentieren, sticht hervor! Motto: Die Welt ist so anders als das Theater! Melancholie schwingt bei vielen der Überlegungen durchaus mit, kommt gut zum Ausdruck! Die Melancholie lässt aber auch der Hoffnung Platz! Es ist kein negativer Abend. Und passend ist, dass der Abend in keiner Weise überladen wird.

Was macht das Theater mit der Welt? Die Welt ändert sich doch ständig, wird immer unberechenbarer. Ohnehin, die Gegenwart vergeht, Künftiges können wir nicht vorhersehen, nicht lenken! Wird Theater da irgendwie gebraucht? Werden die richtigen Menschen angesprochen? Tragen sich die Überlegungen des Theaters „draußen“ in der Welt herum? Und so weiter. Es sind große Fragen des Theaters, und es sind viele Überlegungen! Viele, die aber allesamt eher spielerisch und fein dargeboten werden, ohne zu schwer zu wirken. Siehe das Beitragsbild. Es werden an den Abenden wohl verschiedene Dinge auf den Boden geschrieben. Es hieß etwa: „Ich habe mehr Gefühl als eine Teesorte!“ … Die Teesorte als unsere Werbewelt …

An dieser Stelle sei aus dem Programmheft zitiert:

Kyung-Sung Lee arbeitet vorwiegend im Stil des «devised theatre» – der Theatertext entsteht im künstlerischen Kollektiv. Er bemüht sich, Schauspie- lerinnen und künstlerisches Team kennenzulernen und sich sowohl ihren gemeinsamen als auch ihren unterschiedlichen Lebensrealitäten anzunähern. Dabei versteht er Theater als einen Raum, der uns lehrt, dass wir im Leben nicht alles wissen können, und dass das Besondere oft in den kleinen Dingen und Momenten liegt. «77 Versuche, die Welt zu verstehen» ist das Ergebnis eines mehrwöchigen Dialogs zwischen südkoreanischen und deutschen Theatermacherinnen, die über ihre Realität, die Gesellschaft, die Welt und Bertolt Brechts Versuch, das Theater in seiner Zeit der Unsicherheit neu zu begreifen, diskutiert haben. Ausgehend von diesen Eindrücken hat Lee gemeinsam mit dem ebenfalls koreanischen Autor Hong-Do Lee eine Szenencollage entwickelt, in denen die Bühne zum (Schutz-)Raum für Versuche wird, die Welt im Theater zu reflektieren. In der Spielzeit 2024/25 verbringt Hong-Do Lee im Rahmen von WELT/BÜHNE – Plattform für internationale Gegenwartsdramatik eine mehrmonatige Schreibresidenz in München.

Hier noch ein Bild:

HIER der Link zum Text „Kleines Organon für dasTheater“ von Bertolt Brecht.

Copyright der Bilder: Birgit Hupfeld

Von maxkuhlmann

Geboren am 04.08.1961 in Göttingen, aufgewachsen in München, gelebt in München, Lausanne, London, Köln, München, ehemals Rechtsanwalt, Dr. jur., seit 2010 freischaffend in kulturellen Interessensgebieten tätig.

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